FROZEN LAKE
When I think of friends
who have been through the worst,
through the dread
love lives with,
through the terrible fear
anxiety can only dream of,
I feel sorry for the rest,
who had it as they’d hoped,
who crossed the frozen lake,
from one side to the other,
never guessing
the great dark beneath.
But those for whom
the lake cracks and opens,
who fall into its unspeakable night
while walking upright
in the light of this world,
whose hearts burst
and meet its waters –
for them there is no consolation,
nor is any needed. Henry Shukman
Ich sitze nun seit Wochen mit diesem berührenden Gedicht meines Lehrers Henry Shukman Tag für Tag auf meinem Meditationskissen. Es schenkt mir Trost.
Er las es bei einem Sesshin, welches er gemeinsam mit Joan Halifax leitete. Das Gedicht traf uns alle mitten ins Herz. Joan bat ihn, es noch einmal vorzutragen. Eine tiefe Stille breitete sich aus.
Ich habe den Versuch gemacht, es für Euch zu übersetzen:
Der Gefrorene See
Wenn ich an Freunde denke
die das Schlimmste durchlebten,
den Schrecken
den die Liebe manchmal bringt,
die Ängste
die man sich kaum vorzustellen vermag,
tun mir alle die leid,
die so lebten, wie sie es erhofften,
die den gefrorenen See überquerten,
von einer Seite zur anderen,
ohne eine Ahnung von dem großen Dunkel unter ihnen.
Aber die, für die der See bricht,
und sich öffnet,
die in seine unermessliche Nacht hinabsinken,
gehen immer noch aufrecht,
im Licht dieser Welt,
auch wenn ihre Herzen brechen,
und dem Wasser begegnen-
Für diese gibt es keinen Trost,
denn sie brauchen keinen. Henry Shukman
Ich frage mich, ob es wirklich Leben gibt, die einfach nur glatt verlaufen?
Allerdings gibt es gerade in unserer heutigen auf Geld und Spaß getrimmten Zeit, sehr unterschiedliche Arten, mit leidvollen Erfahrungen umzugehen.
Es gibt die Menschen, die den gefrorenen See leichtfüßig überqueren und jeden Riss, jede Dunkelheit umgehen. Die Verdrängungskünstler und Rationalisierer.
Und es gibt die, die zu Reflektion und Tiefgründigkeit bereit sind, ahnend, dass am Ende des Leids das Licht heller strahlt. Ahnend, dass sie nach einem Prozess von äußerer und vor allem eigener, innerer Anteilnahme, Akzeptanz für den Schmerz finden, von ursprünglicher Liebe geflutet werden und dann keines Trostes mehr bedürfen. Dann hat Transformation stattgefunden.
Das ist Erwachen.
Von Scheich Abu Sa‘id
(persischer Sufi Mystiker 967–1049 nC)
ist überliefert,
dass er Allah sagen hörte:
„The Broken Ones Are My Beloved“
(die gebrochenen Seelen sind meine liebsten).
Eine der bekanntesten buddhistischen Geschichten erzählt vom Umgang mit einer häufigen Form des Leids:
Dem Verlust eines geliebten Menschen:
Kisa Gotami war die Frau eines wohlhabenden Mannes aus Shravasti.
Nach dem Verlust ihres einzigen Kindes war Kisa Gotami verzweifelt und bat um Hilfe. Ihre Trauer war so groß, dass viele glaubten, sie habe den Verstand verloren. Nach einiger Zeit riet ihr ein alter Mann, den Buddha aufzusuchen.
Der Buddha erklärte ihr, er könne das Kind wieder zum Leben erwecken, wenn sie weiße Senfkörner aus einer Familie fände, in der noch niemand gestorben sei.
Verzweifelt suchte sie Haus für Haus ab, nach einem solchen Fall, doch zu ihrer Enttäuschung fand sie kein Haus, in dem noch nie ein Familienmitglied gestorben war.
Schließlich begriff sie, dass es kein Haus gibt, das frei von Tod und Vergänglichkeit ist.
Sie kehrte zum Buddha zurück, der sie tröstete und ihr den Dharma lehrte.
Sie erlangte Erleuchtung und bedurfte keines Trostes mehr.
