INANNA IN DER UNTERWELT

Die griechische Insel Lesbos hat mich wieder einmal in ihrem, zu dieser Jahreszeit, sattgrünen Schoß aufgenommen. Es ist April und es regnet monsunartig, seit Tagen. Die Straßen und Wege werden zu Bächen und ich kann sie nur noch barfuß passieren. Alles was ich dabei habe ist nass und trocknen ist bei dieser hohen Luftfeuchtigkeit nicht drin. Die Heizung funktioniert nicht, also übe ich mich in Gelassenheit. Ich weiß ja nicht, was die griechische Götterwelt da draußen sich denkt, aber mir mag sich keine Sinnhaftigkeit mehr hinter all dem Grau, den Donnerwolken und dem Wind erschließen. Ich komme aus Deutschland, habe einen langen dunklen Winter hinter mir und sehne mich nach Sonne. Hallo, Sonnengott, zeig dich bitte. 
Etwas Gutes aber hat das grollige Wetter vielleicht doch.
Die dunklen Wolken und der viele Regen unterstützen meinen ganz persönlichen Weg in die eigene Unterwelt. Hin zu meinen Schatten. Hin zu all den Inneren Orten, an denen das Zellgedächtnis Kränkungen und Verletzungen gespeichert hat. Und so werde ich immer langsamer in meiner Yogapraxis. Hinspüren, auffinden, bleiben, zuhören, entspannen, lösen.
 Die sumerische Göttin des Himmels und der Erde, Inanna, kann uns auf diesem Weg ein Beispiel an Mut und Klarheit sein. Von ihrem  Verlangen nach tiefer Einsicht und Entwicklung geleitet, machte sie sich auf den Weg in das dunkle Reich ihrer Schwester Ereshkigal, Herrscherin der Unterwelt. Inanna trug kostbare Gewänder, wertvollen Schmuck und die typischen Insignien der Macht. An jedem der sieben Eingangstore, an denen sie um Einlass verlangte, musste sie eines ihrer Machtsymbole ablegen. Ihre Krone, ihren Lapislazulistein, ihre Kette, ihre Perlenohrringe, ihren Armschmuck, Messstab und zu guter letzt ihr Gewandt. Nackt trat sie vor ihre Schwester, die sie mit einem Blick tötete und ihren Körper an einen Fleischerhaken hängen ließ. Als Inanna auch nach drei Tagen nicht auf die Erde zurückkehrte bat ihre Vertraute die Götter um Hilfe. Enki, Gott der Weisheit und Herrscher des Süßwasserozeans stieg hinab in die Unterwelt, gelangte durch  eine List an den Leichnam und erweckte Inanna, mit seinem Lebenswasser, zu neuem Leben.
Inannas Geschichte, Auferstehungsmythos und Einweihungsweg zugleich, mag uns immer wieder von neuem ermuntern, uns unserer eigenen Unterwelt zu stellen. Denn nur wenn wir unsere Schatten kennen und integrieren, können wir ein glückliches Leben leben. Auf dem Weg dorthin, müssen wir alles abgeben, was uns lieb und teuer ist. Ereshkigal - Symbol unserer größten Angst, unserer heftigsten Zweifel -  zu begegnen ist unabdingbar, wenn wir uns mit unseren hausgemachten Dämonen vertraut machen wollen. Der Preis den wir zahlen, ist der Tod. Das komplette Loslassen, die Erfahrung der Leere, der Stille. Die Früchte die wir ernten, sind Transformation und friedvolles Sein.