तारा Tara – Mutter aller Buddhas སྒྲོལ་མ


Gestern haben wir, nach 200 Stunden Ausbildung, 11 Yogalehrinnen zertifiziert. Eine der frisch gebackenen Yoginis hatte in ihrer Abschlussprüfung eine Tara Meditation angeleitet, die mich sehr berührte. Wir saßen alle in der Haltung der Tara am Boden. Eine Hand vor dem Herzen – das Mudra der erwachten Tatkraft und des Mitgefühls -  die andere, geöffnet nach vorne, mit den Fingerspitzen am Boden – das Mudra der Freigebigkeit. Eine friedvolle Stille breitete sich aus. Ein Gefühl der Kraft und Verbundenheit erfüllte den Raum und ich fühlte mich augenblicklich in meine monatelangen Aufenthalte in Little Tibet – Ladakh katapultiert.

 

Seit zehn Jahren reise ich jedes Jahr in die Weite der Himalayaregionen. In einem Sommer begleitete mich ein junger ladakhischer Freund, der ein Studium zum  Tempelführer absolviert hatte, in die buddhistischen Tempel Ladakhs. Von ihm lernte ich die Geschichten der Buddhas, der Bodhisattvas *, des Religionsbringers Padmasambhava, der Geister und Dämonen, der verschiedenen Welten, der Tiere und Luftwesen. Avalokitesvara, der Bodhisattva des universellen Mitgefühls und Schutzpatron Tibets, ist dort allgegenwärtig.

 

Es wird erzählt, dass Avalokiteshvara einst das Leid der Menschen betrachtete und Tränen des Mitgefühls weinte. Aus einer dieser Tränen entstand Tara. Sie gilt den Tibetern als Essenz des Mitgefühls, als Mutter aller Buddhas. Tara ist ein Wort aus dem Sanskrit, der alten indischen Sprache, und heißt wörtlich übersetzt Stern. Die Weisheit der Buddha Tara leuchtet den Menschen die Hilfe benötigen, als Wegweiser und Kraftspender. Tara ist eines der beliebtesten Meditationsobjekte im tibetischen Raum. Sie ist das Licht, welches zu Weisheit und Erwachen führt.

Tara kommt in verschiedenen Farben zu uns Menschen .

Die weiße Tara befriedet Krankheiten und Tod. Sie steht für Wahrheit und Reinheit und symbolisiert alle Qualitäten einer Mutter.

Die rote Tara steht für die Liebe, für den Frieden.

Die grüne Tara vereint alle Taraqualitäten in sich. Sie ist die Helferin in der Not, sie ist lebendiges Mitgefühl.

Es gibt noch die gelbe, blaue und die schwarze Tara, die aber eine untergeordnete Rolle spielen.

 

Tara ist die weibliche Urkraft, sie symbolisiert das weibliche Prinzip.

 

Durch das singen oder sprechen des Tara Mantras – Om Tare Tutare Soham -  soll die Rezitierende Kraft, Heilung und Trost erlangen. Übersetzt bedeutet es in etwa: „Gruß und Ehre der gütigen Tara, der Retterin, die uns von unseren Ängsten befreit und die uns hilft, durch alles Schwere hindurchzugehen.“ (Melanie Müller)

 

Einer Legende zu Folge, die der Heilige Sengupta niederschrieb, erschien Tara vor einer Höhle, in der Pilger lagerten und nahm ihnen die acht Ängste auf dem Weg zum Erwachen.

 

Die Angst vor:

 

Angriffen von den beiden Löwen Stolz und Arroganz

Angriffen von den Elefanten der Unwissenheit

dem Feuer des Zorns

den giftigen Schlangen  Neid und Eifersucht

den Angriffen von den Räubern der falschen Sichtweisen

dem Gefängnis von Geiz und Gier

den Fluten von Begierde und Anhaftung

den Dämonen der Zweifel.

 

Wenn ich nach Ladakh komme, erwarten mich dort Menschen die ich liebe. Sie sind mir zur zweiten Familie geworden. Meine ladakhische Tochter trägt den Namen Dolma. Das ist der tibetische Name der Bodhisattva Tara. Und sie trägt ihn mit der Würde einer Tara. Dolma ist voller Mitgefühl und Achtsamkeit. Als ich das erste Mal wochenlang zu Fuß mit ihr durch die Weiten der ladakhischen Landschaft trekkte, sorgte sie mit ihrer ganzen Liebe und Zuwendung für mein Wohlergehen. Ich hatte mit der Höhe zu kämpfen, mit Angst vor Brücken über tosende Flüsse und schwindelerregende Wege. Dolma war immer zur Stelle, leitete und führte mich liebevoll durch die, für mich, damals noch fremde Welt. Sie nahm mich in ihre Familie auf und stellte mir ihre Freunde vor. All diese Menschen, mit ihrer bescheidenen liebevollen Art, sind mir ans Herz gewachsen und ich bin ihnen bis heute tief verbunden.

 

Vor Jahren erkrankte mein Mann am Herzen. Dolma kannte ihn damals noch nicht persönlich. Sie hatte lediglich einige Male mit ihm telefoniert. Als Dolma von seiner Erkrankung hörte, reiste sie nach Nepal, um dort, an einem besonderen Ort, eine Statue der Tara für ihn zu kaufen und weihen zu lassen. Sie praktizierte über Wochen täglich eine Puja zu seiner Gesundung. Eine Puja ist ein klar strukturiertes Ritual, bei dem Sutren aus den heiligen buddhistischen Texten rezitiert werden.

Heute steht diese kleine Tara Statue in unserem Haus und beschützt uns.

 

Es ist berührend am Ende einer Yogastunde eine Tara Meditation zu machen. In den Yogastudios, hier im Westen, praktizieren hauptsächlich Frauen. Es ist schön, sich mit ihnen auf die inneren weiblichen Aspekte zu besinnen, die weiblichen Kräfte zu spüren und zu vereinen. Der Weg zum Erwachen ist seit tausenden von Jahren sehr männlich geprägt. Auch Tara wurde geraten sich im Körper eines Mannes zu reinkarnieren, damit sie „Erleuchtung“ erlangen könne, um aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszusteigen. Sie verweigerte diese Möglichkeit und beharrte darauf, als Frau und Bodhisattva, den Menschen zu dienen.

Ich frage mich, ob ein Mann, der eine Frau nicht achtet wie sich selbst, wirklich "erleuchtet" sein kann?

Vielleicht war Tara die erste Emanze, die Vorreiterin der aktiven Frauenbewegung. Den Menschen geschenkt zur Befreiung der universellen Unterdrückung des Weiblichen.

 

 

 

* Bodhisattva: Bodhi heißt erwacht sein und sattva heißt Lebewesen. Ein Bodhisattva ist also ein Erwachter. Ein Erwachter der nicht ins Nirvana eingeht, sondern sein Leben weiterhin, auf der Erde, dem Helfen geweiht hat. Ein Bodhisattva hilft den Menschen zu erwachen.