Eftalou, Lesbos, Reise nach Innen

Eftalou

Entspannung, Feta, Trance, Atem, Loslassen, Olivenbäume, Ursprünglichkeit

 

Das kleine Eftalou Tal liegt wie ein Amphietheater in den Berg geschmiegt. Die wenigen Häuser sind in den Olivenhainen und Gärten versteckt. Kleine Pfade schlängeln sich durch das Tal, für Autos ist an der schmalen und kaum befahrenen Küstenstraße Schluss. Es gibt eine Piste, aber kein Taxifahrer fährt sie freiwillig. Ich bin hier, um den Alltag hinter mir zu lassen. Um Zeit für mich zu haben, um meinen inneren Raum zu erkunden, Stille zu erleben, Langsamkeit, Lange Weile und Ursprünglichkeit.

Die zu meinem Appartement gehörende  Terrasse liegt in den Kronen uralter Olivenbäume, auf einer Höhe mit all den mich umgebenden Vögeln. Es ist, als wäre ich Teil dieses ewigen Vogelorchesters mit seinem reichhaltigen Repertoire, Teil der Bäume, die wohl schon hunderte von Jahren hier an diesem Ort stehen. Ihre knorrigen Stämme haben etwas Verwunschenes. In jedem von ihnen wohnt eine griechische Göttin. Die alte Pinie, am Rande des Gartens, überragt alle anderen Bäume. Majestätisch breitet sie ihre Arme aus und verschenkt ihren innewohnenden Frieden. Sie gilt als Baum des Friedens. Ich wusste das bisher noch nicht, aber irgendwie haben die Pinien mich immer angezogen und fasziniert,  mit ihrem Duft, mit ihren weichen Nadeln, die immer zu fünft oder siebt gebündelt sind, kommunikativ, sozial, freundlich. Die Granatapfelbäume verwöhnen Auge und Herz mit ihrer leuchtend roten Blüte. Der Wacholderbaum, neben der Treppe, strahlt seine Widerstandskraft mitten in mein Herz, jeden Morgen, wenn ich ihn beim runtergehen streife. Blüten überall, faszinierend in Form und Farbe. Die Berge sind jetzt, im Mai, grün. Schroff und lieblich zugleich. Das viele Grün um mich, beruhigt meinen Geist. Ich sitze wie in Trance auf dieser magischen Terrasse und beobachte die Akrobatik der Schwalben und Möwen, die blaue Ebenmäßigkeit des Ozeans, höre den Wind in den Bäumen rauschen und folge meinen Atem in meine Innenwelt. Prana, die Lebensenergie, reitet den Atem, heißt es.

Theophilos, der Goldschmied im nächsten Ort, hat einen Ring für mich gemacht, in den er den Klang des Universums gearbeitet hat. OM. Was für ein schönes Bild. Theophilos ist ein Yogi und ein beseelter Philosoph und Mystiker.

 

Lesbos, Insel der Frauen, Insel der großen Dichterin Sappho. Jährlich gibt es hier ein Fest zur Feier der lesbischen Liebe.

 

„Abendstern Du bringst alles wieder zusammen,

Was sich am strahlenden Tag verstreute,

Bringst das Schaf heim,

Bringst die Ziege heim.

Nur die Tochter, wenn es Abend wird,

Bringst du nicht mehr zur Mutter.“

Sappho

 

Langsam wird es dunkel, in der Ferne ruft seit Nächten eine Eule, es klingt ein bisschen wie das Echolot eines UBootes. Drüben, an der türkischen Küste funkeln die Lichter, das Vogelkonzert klingt träge aus und die Stille ist überall. Außen und Innen. Unsere beiden Yoga Lehrer sind wunderbar. Gefäße der Weisheit. Sie lassen uns großzügig Teil haben an ihrer fünfzigjährigen Yogaerfahrung. Sie leiten uns, inspirieren, motivieren, begleiten und helfen, wann immer es nötig ist. Aus dem Nichts gleitet die fast achtzigjährige Angela Farmer in den Unterarmstand und erklärt von dort die Umkehrung des Energieflusses in einer solchen Haltung. Lachend kommt sie wieder heraus aus der Haltung und sagt, ach das habe ich ja schon lange nicht mehr geübt……Victor van Kooten ist beeindruckend fokussiert, kennt jeden Millimeter seines inneren Erlebens und erklärt hingebungsvoll, was wann wo im Körper passiert. Der Atem und das Erspüren der Haupt Nadis stehen immer wieder im Fokus. Und dann lassen wir die Ausrichtung hinter uns, schmelzen in die Haltungen, nehmen die ehrgeizige Kraft aus den Muskeln, lassen die Knochen aus den Gelenken hinausfließen, nehmen jede einzelne Spannung wahr und geben ihr Raum zu sein und sich aus diesem Sein heraus aufzulösen.

Meditation im Asana und in der Ruhe. Herausfinden, was der Körper zu mir spricht, welche inneren Bilder er mir schickt. Den innewohnenden Yogalehrer aktivieren.

Mittags, nach der Klasse, gehe ich in die heißen Quellen. Sie sprudeln aus der Tiefe der Erde in eine weiß getünchte kleine Halle, gebaut wie ein Gewölbe. Ein Dom, sagt Victor, wie unser Perineum, wie unser Beckenboden, wie unser Zwerchfell, wie so vieles auf dieser Erde. Das Wasser ist zu Neumond besonders heiß, erklärt die Betreiberin des Badehauses. Ich kann das nur bestätigen. Nach einigen Minuten im heißen Wasser ist meine Haut krebsrot und es zieht mich hinaus ins Meer. Ich schwimme, treibe dahin, bringe meine Ohren unter die Wasseroberfläche, lausche dem Klang der Ägäis. Dieser mystische Ort der Götter. Dann liege ich auf den Steinen und atme und spüre und atme. Weite meinen Rücken mit meinem Atem, öffne ihn, nehme den Raum hinter mir und über mir bewusst wahr. Und dann richte ich meine Ohren nach Innen aus. Lausche in meine Höhlen hinein. Kopfraum, Herzraum, Bauchraum. Streiche mit dem Atem an den inneren Wänden des Körpers entlang. Dehne mich aus und lasse den Ausatem wie Wasser bis in die Zellen versickern.